....Nachträgliche überlegungen in der ....bevölkerung der Donauschwäben
  Heim
   
 
1
1
1
1
1
1
1
1

Nach dem Golgatha des Zweiten Weltkriegs haben die überlebenden Deutschen ‒ Angehörige von Minderheiten in den Ländern, aus denen sie vertrieben wurden ‒ durch ihre gewählten Vertreter, auf der Großen Versammlung in Stuttgart, in Anwesenheit von Mitgliedern der Bundesregierung, Vertretern der Kirchen und Parlamente am 5. August 1950 die Charta der deutschen Heimatvertriebenen verabschiedet, in der sie ihre Vergangenheit, aber auch ihre Zukunft absehen. Dieser Deklarationstext wurde bei den Versammlungen der vertriebenen Deutschen geprüft und bestätigt, und wurde von dem Vorsitzenden des Bundes der Vertriebenen sowie dem Vorsitzenden des Zentralverbandes der vertriebenen Deutschen und anderen nationalen Verbänden unterschrieben.

In den Diskussionen vor der Verabschiedung der Charta gab es auch gesonderte Vorschläge zur Fortsetzung des nationalsozialistischen politischen Kurses, die von einer Vielzahl gegensätzlicher Meinungen unterdrückt wurden. Diese Stellungnahmen haben auch einen Kurs für Aussöhnung und europäische Einigung vorbereitet, einschließlich ost- und mitteleuropäische Nachbarn. Alle Redner lobten die Charta als Dokument des demokratischen Neubeginns, der europäischen Integration und des dauerhaften Friedens.

Der Verabschiedung der Charta gingen mehrere Sitzungen voraus, die an mehreren Orten in Stuttgart stattfanden. An der Verabschiedung der Charta nahmen über 70.000 Menschen teil, die sich vor den Ruinen der Stadtverwaltung versammelten. Die Teilnehmer kamen mit Sonderzügen und Bussen aus allen Teilen Deutschlands an.

Die Sitzung, in der die Charta verabschiedet wurde, begann mit einer Feierlichkeit, die das Orchester aus Esslingen, der Verein vertriebener Künstler, mit einer Ouvertüre von Albert Lortzing eröffnete. Danach spielte die Gesangsgruppe Oberkochen das Lied "Dort im tiefen Böhmerwald".

Die erste Unterschrift auf der Charta erfolgte durch den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg.

Die Charta wurde an die Weltöffentlichkeit versandt und soll auf das Recht jedes Menschen auf seine Heimat hinweisen, sowie darauf, dass es als grundlegendes Menschenrecht anerkannt werden sollte.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt, da seit ihrer Verabschiedung mehr als 70 Jahre vergangen sind, kann diese Charta zunehmend als ein Dokument interpretiert werden, das die Zukunft Europas vorbereitete.

Bei der Versammlung waren Worte zu hören, dass vertriebene Deutsche eine Erlösung für die von den Nationalsozialisten begangenen Verbrechen seien, aber auch Worte, dass ein Mensch durch Verbrechen nicht erlöst werden könne, weshalb sie als Vertriebenen keine Rache, sondern nur Gerechtigkeit fordern.

Der Friede in der Welt war gerade erst hergestellt und die Armeen noch in Bereitschaft, als diese Charta erschien. Wir können sagen, dass diese Charta die erste öffentliche Erklärung zum Verzicht auf Gewaltanwendung bei der Lösung fragiler internationaler Beziehungen ist, die durch die Bedingungen in der Nachkriegszeit geschaffen wurden.

Auf den Sitzungen waren Hoffnungen zu hören, dass die Vertriebenen nach umfassender Betrachtung der neuen Situation in der Welt, vor allem aber in Europa, an die Orte, aus denen sie vertrieben wurden, zurückkehren und ihr Eigentum zurückgeben können. Der Slogan "Gib uns unser Zuhause zurück" war oft zu hören. Diese Hoffnungen waren jedoch unbegründet und wurden in der Versammlung, auf der die Charta verabschiedet wurde, nicht einmal erörtert.

Diese Charta stellt den Beginn der Entstehung moderner, international anerkannter Rechtsnormen dar, wenn es um die Rechte von Zivilisten im Krieg, um ihr Leben und ihr Eigentum geht.

Mitunterzeichner der Charta im Namen der aus Südosteuropa vertriebenen Deutschen war Franz Hamm (geboren am 18. März 1900 in Vrbas) zusammen mit Erwin Tittes und Rudolf Wagner.

 

Die Charta lautet:

Im Bewußtsein ihrer Verantwortung vor Gott und den Menschen, im Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zum christlich-abendländischen Kulturkreis, im Bewußtsein ihres deutschen Volkstums und in der Erkenntnis der gemeinsamen Aufgabe aller europäischen Völker, haben die erwählten Vertreter von Millionen Heimatvertriebenen nach reiflicher Überlegung und nach Prüfung ihres Gewissens beschlossen, dem deutschen Volk und der Weltöffentlichkeit gegenüber eine feierliche Erklärung abzugeben, die die Pflichten und Rechte festlegt, welche die deutschen Heimatvertriebenen als ihr Grundgesetz und als unumgängliche Voraussetzung für die Herbeiführung eines freien und geeinten Europas ansehen.

1. Wir Heimatvertriebenen verzichten auf Rache und Vergeltung. Dieser Entschluß ist uns ernst und heilig im Gedenken an das unendliche Leid, welches im besonderen das letzte Jahrzehnt über die Menschheit gebracht hat.

2. Wir werden jedes Beginnen mit allen Kräften unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können.

3. Wir werden durch harte, unermüdliche Arbeit teilnehmen am Wiederaufbau Deutschlands und Europas.

Wir haben unsere Heimat verloren. Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Erde. Gott hat die Menschen in ihre Heimat hineingestellt. Den Menschen mit Zwang von seiner Heimat trennen, bedeutet, ihn im Geiste töten.

Wir haben dieses Schicksal erlitten und erlebt. Daher fühlen wir uns berufen zu verlangen, daß das Recht auf die Heimat als eines der von Gott geschenkten Grundrechte der Menschheit anerkannt und verwirklicht wird.

So lange dieses Recht für uns nicht verwirklicht ist, wollen wir aber nicht zur Untätigkeit verurteilt beiseite stehen, sondern in neuen, geläuterten Formen verständnisvollen und brüderlichen Zusammenlebens mit allen Gliedern unseres Volkes schaffen und wirken.

Darum fordern und verlangen wir heute wie gestern:

1. Gleiches Recht als Staatsbürger nicht nur vor dem Gesetz, sondern auch in der Wirklichkeit des Alltags.

2. Gerechte und sinnvolle Verteilung der Lasten des letzten Krieges auf das ganze deutsche Volk und eine ehrliche Durchführung dieses Grundsatzes.

3. Sinnvollen Einbau aller Berufsgruppen der Heimatvertriebenen in das Leben des deutschen Volkes.

4. Tätige Einschaltung der deutschen Heimatvertriebenen in den Wiederaufbau Europas.

Die Völker der Welt sollen ihre Mitverantwortung am Schicksal der Heimatvertriebenen als der vom Leid dieser Zeit am schwersten Betroffenen empfinden.

Die Völker sollen handeln, wie es ihren christlichen Pflichten und ihrem Gewissen entspricht.

Die Völker müssen erkennen, daß das Schicksal der deutschen Heimatvertriebenen wie aller Flüchtlinge, ein Weltproblem ist, dessen Lösung höchste sittliche Verantwortung und Verpflichtung zu gewaltiger Leistung fordert.

Wir rufen Völker und Menschen auf, die guten Willens sind, Hand anzulegen ans Werk, damit aus Schuld, Unglück, Leid, Armut und Elend für uns alle der Weg in eine bessere Zukunft gefunden wird.

Stuttgart, den 5. August 1950

Stjepan A. Seder